
Krise am Ausbildungsmarkt und Fachkräftemangel
Der Ausbildungsmarkt in Deutschland ist zu einem echten Problem geworden. Seit Jahren entwickeln sich die Zahlen negativ. Das einst so stolz gepriesene System steckt in einer echten Krise. Lippenbekenntnisse politisch Verantwortlicher haben in den letzten Jahren nicht wirklich auf Veränderung abgezielt. Dazu hätte ein vertiefender Einstieg in die Problematik gehört. Dem aber verschloss man sich vehement. Viel zu anstrengend ist die grundlegende Überarbeitung einer solchen Thematik, die auch erst Jahre später Früchte tragen könnte. Politik agiert heute vor allem mit Blick auf die nächste Wahl.
Nun gesellte sich zur ohnehin miesen Entwicklung am Ausbildungsmarkt auch noch ein viel größeres Problem hinzu: die Corona-Pandemie. Sie hat nicht nur bei vielen Menschen mit schweren Grunderkrankungen die gesundheitlichen Probleme verstärkt, die Pandemie macht auch latente Probleme in der Wirtschaft noch einmal um Stufen schlimmer. Bei vielen Betrieben stehen die Zeichen für eine auskömmliche Zukunft nicht mehr gut, die inflationäre Entwicklung am Markt tut inzwischen ihr Übriges.
Natürlich bringt das dem Ausbildungsmarkt keine positiven Effekte. Vielerorts ist die Nachwuchssicherung jetzt schon auf Eis gelegt. Zwar wird ständig mit Vorschlägen hochgradiger Aktionismus versprüht, der bisher aber nicht wirklich geeignet ist, dem Ganzen Einhalt zu gebieten. Allein mit Symptombekämpfung kann ein seit Jahren krankendes System insgesamt nicht gerettet werden. Auch das sollte eine Lehre aus der Pandemie sein.
Falsche Anreize, mangelnde Kenntnis
Die Berufsorientierung in Deutschland ist an vielen Stellen oberflächlich und damit auch wenig wirksam. Die Vielfalt der Möglichkeiten ist weitgehend unbekannt. Eine aktive Steuerung findet kaum statt. Die langfristige Fokussierung auf Interessen und Neigungen Einzelner versagt komplett. Oft wird eine Null-Bock-Mentalität der einen Seite mit einer Null-Bock-Mentalität der anderen Seite beantwortet. Das hemmt jegliche Entwicklung. Junge Menschen folgen dann unweigerlich dem Mainstream.
Wie schon in den Jahren zuvor festgestellt, drängt es immer mehr Schulabgänger zum Studium. Auf der anderen Seite bringt eine dramatisch wachsende Anzahl Jugendlicher nur unzureichende Voraussetzungen für eine Berufsausbildung mit. Die Folgen werden von Jahr zu Jahr gravierender. Danach blieben im Jahr 2021 allein rund 63.000 Lehrstellen in Deutschland unbesetzt, die offiziell bei der Arbeitsagentur gemeldet waren. Gleichzeitig gab es aber allein im Jahr 2021 rund 67.800 junge Menschen, die als unversorgte Bewerber Eingang in die Statistik gefunden haben. Hinzu kamen noch 20.400 junge Menschen, für die kein Vermittlungsauftrag mehr besteht, die sich aber arbeitssuchend gemeldet haben.
Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der angebotenen Lehrstellen um weitere 19.000. Nach rund 42.000 im Jahr 2020 nimmt diese Entwicklung inzwischen dramatische Züge an. Immer mehr Betriebe haben sich aus dem System auskömmlicher Nachwuchsgewinnung verabschiedet. Allein mit einer aktuellen Finanzspritze aus Steuermitteln wird dieser Entwicklung nicht beizukommen sein.
In vielen Betrieben des traditionellen Handwerks ist die Nachwuchssuche inzwischen aussichtslos. Fleischer oder Bäcker will heute kaum noch ein junger Mensch werden. Ähnlich sieht es im damit verbundenen Einzelhandel aus. Auf dem Bau und in den baunahen Berufen nimmt die Bewerberzahl dramatisch ab, auch Berufskraftfahrer haben mit erheblichen Nachwuchssorgen zu kämpfen. Kehrt sich dieser Trend nicht kurzfristig um, kommt es am Arbeitsmarkt und auch in der mittelständischen Wirtschaft zu weitreichenden und vor allem auch nachhaltigen Verwerfungen.
Viele werden einfach vergessen
Im Jahr 2021 sind wieder 228.100 junge Menschen im sogenannten Übergangssystem gelandet. Die Zahl der Schulabgänger dort wächst seit Jahren. Dabei münden die dabei angebotenen unspezifizierten Maßnahmen überwiegend nicht in eine reguläre Ausbildung. Unter diesen Jugendlichen findet sich auch eine deutlich größer werdende Gruppe mit Lernschwierigkeiten und/oder mit Migrationshintergrund
Der lang erhoffte Positiv-Effekt, der von jungen Flüchtlingen am Ausbildungsmarkt ausgelöst werden sollte, lässt immer noch auf sich warten. Bei realistischer Betrachtungsweise müsste man ehrlich konstatieren: Auch hier läuft gehörig viel schief. Junge Ausländer verlassen die Schulen deutlich mehr als doppelt so häufig wie junge Deutsche ohne Abschluss. Von jungen Ausländern starten auch weniger als halb so viele eine Ausbildung wie aus der Mitte der jungen Deutschen.
Die Stimmen, die sofort eine Lösung der Gesamtproblematik parat haben, gibt es immer reichlich. Dabei sind die Vorschläge oft ungeeignet und auch nicht langfristig praktikabel. Vor allem entfalten sie keine Wirkung: Das Heer der Jugendlichen ohne Ausbildung ist inzwischen auf 2,5 Millionen angewachsen. Dabei sind das nur die statistisch erfassten Daten. Die Dunkelziffer bleibt weithin unbekannt. So ernst gemeint können die Lösungsansätze der Verantwortlichen wohl bisher alle nicht gewesen sein. Dabei ist der Nachwuchsmangel in vielen Branchen eines der Hauptprobleme unserer Zeit. Die Krise am Ausbildungsmarkt verstärkt das Problem nachhaltig.
Das eigentliche Problem liegt tiefer
Viele Jugendliche werden nach zehnjährigem Unterricht zunehmend gar ohne Schulabschluss entlassen. Manche haben in der Zeit weder Lesen noch Schreiben gelernt. Von adäquater Ausbildungsvorbereitung ganz zu schweigen. Angebot und Nachfrage passen also immer häufiger nicht zusammen. Solange Schulen und Wirtschaft weiter getrennte Wege gehen, wird sich an den vielen Disproportionen nichts ändern.
Die Vorzüge des hiesigen Ausbildungssystems und die sich daraus ergebenden beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten, das sind die Geschichten, die man Schülern frühzeitig vermitteln muss. Viele kennen einfach nicht die Wege, die ihnen offen stehen und wie man sie beschreitet. Schule hat an diesem Punkt bisher nur wenig beigesteuert, Bildungspolitiker aller Orten noch viel weniger. Berufsvorbereitung muss endlich wieder zum wichtigen Bestandteil schulischer Bildungswege werden. Auch hier braucht es eine konzertierte Aktion aller Beteiligten. Die Lust, sich mit der eigenen Zukunft zu beschäftigen, kann nie zu früh und nie ausgiebig genug vermittelt werden.