
Ausfall der Erntehelfer birgt ernste Probleme
Als in Pandemie-Zeiten plötzlich das Toilettenpapier in den Regalen knapp wurde, da schüttelte so mancher ungläubig mit dem Kopf. Irgendwie fehlte die Logik zum Mangel. Was aber aktuell zu Versorgungsengpässen bei vielen Produkten im Handel führt, das hat durchaus nachvollziehbare Gründe. Vor allem die Situation in der Ukraine wirkt sich zunehmend auch auf hiesige Strukturen aus. Die Ukraine galt nicht nur als sogenannte Kornkammer und damit als Lieferant diverser landwirtschaftlicher Produkte, auch waren ukrainische LKW-Fahrer verlässliche Transporteure in Europa und nicht zuletzt stammten viele Erntehelfer auf unseren Feldern aus der Ukraine.
Die helfenden Hände auf den Feldern sind schon immer unverzichtbar, wenn Spargel gestochen, Erdbeeren gepflückt und auch die übrige Ernte schnell und trocken eingebracht werden soll. Deutsche Saisonkräfte waren dabei in den letzten Jahren sehr rar gesät am Markt der Freiwilligen. Die überwiegende Mehrzahl der Erntehelfer kam seit langem schon aus dem Ausland. Zuletzt arbeiteten etwa 300.000 Menschen als Saisonarbeitskräfte in der deutschen Landwirtschaft. Rund 95 Prozent von ihnen kamen aus Polen, Rumänien, Litauen, Bulgarien, der Ukraine und Staaten des westlichen Balkans.
Das sieht im laufenden Jahr aber komplett anders aus.
Die Einreise vor allem von Männern aus der Ukraine dürfte in diesem Jahr wohl komplett ausfallen. Dort sind alle männlichen Bürger zum Dienst an der Waffe verpflichtet worden. Ähnlich sieht es in Rumänien aus. Das Nachbarland der Ukraine hat auch die Wehrpflicht ausgedehnt, ob die Ausreise männlicher Bürger damit untersagt wird, bleibt abzuwarten. Keinesfalls warten können natürlich die Bauern mit ihrer Ernte. Alles was nicht rechtzeitig eingebracht wird, das bleibt unwiederbringlich verloren. Die Effekte wären auch hier gravierend, für die Versorgung, den Handel und natürlich auch und vor allem für die Landwirtschaft.
Dabei waren schon die Pandemie-Jahre äußerst kompliziert. Der Aufwand zur Sicherstellung einer ausreichenden Erntehelfer-Anzahl verursachte schon da erhebliche Kopfschmerzen und war nur mit erheblichem Zusatzaufwand möglich geworden. Die Bauern machen schon lange auf die missliche Lage aufmerksam. Allein politische Entscheidungen, die Verlässlichkeit in sich tragen, lassen weiter auf sich warten.
Interessante Option als Zuverdienst
Die Zeit drängt. Beste Gelegenheit also, statt des häuslichen Abwartens auf bessere Zeiten, sich auf dem Acker als Erntehelfer zu verdingen. Die Verdienstmöglichkeiten sind durchaus interessant. So haben beispielsweise Kurzarbeiter bis zum 30 Juni 2022 noch die Möglichkeit, in der vorhandenen Freizeit, einen anrechnungsfreien Nebenjob auszuführen. Für Rentner im vorgezogenen Ruhestand ist die erhöhte Hinzuverdienstgrenze aus dem Jahr 2021 bis zum Ende diesen Jahres noch einmal verlängert worden. Sie beträgt weiterhin 46.060 Euro. Die Hinzuverdienstgrenze für Rentner, die ihre volle Altersrente ab der Regelaltersgrenze beziehen, ist sogar völlig irrelevant. Sie dürfen unbegrenzt hinzuverdienen.
Der Einsatz als Erntehelfer ist natürlich auch für Schüler, Studenten und auch Arbeitslose interessant. Entscheidend dafür, dass die Beschäftigung als geringfügig gilt, ist ihre begrenzte Dauer. Sie darf nicht länger als 3 Monate am Stück oder insgesamt mehr als 70 Arbeitstage pro Kalenderjahr umfassen. Die Kurzfristigkeit ist das wesentliche Merkmal der Saisonarbeit. Anders als beim herkömmlichen Minijob ist es unerheblich, wie hoch der Verdienst insgesamt ausfällt.
Das monetäre Ergebnis der Ernte kann sich damit richtig lohnen. Vor allem auch deshalb, weil der Mindestlohn inzwischen auch längst und zwingend auf den Feldern angekommen ist.
Fairness auf beiden Seiten erleichtert die Arbeit
Der Landwirt muss sich auf die Kräfte verlassen können, die sich bei ihm zur Ernte melden. Dazu gehören ohne Zweifel Pünktlichkeit und Leistungsbereitschaft. Das Abhängen auf dem Acker gegen Geld wird dem sicher nicht gerecht.
Auf der anderen Seite muss auch der Landwirt vernünftige Voraussetzungen bieten. Nicht alles, was den Polen und Rumänen in den letzten Jahren da teilweise zugemutet worden ist, lässt sich ein hiesiger Helfer bieten.
Auch war es üblich geworden, dass die Aufwendungen für Kost und Logis mit dem geschuldeten Entgelt für die Erntehelfer gleich verrechnet werden. Oft wurde auch die Mindestlohngrenze erst erreicht, wenn man diese Kosten auf den Verdienst angerechnet hatte. Die Zoll-Praxis gestattet derlei Verrechnung, obwohl das rechtlich noch umstritten und auch noch nicht höchstrichterlich entschieden ist. Solche Praxis-Tricks sind momentan aber sicher weniger hilfreich.
Um überhaupt Kosten für Unterkunft und Verpflegung in Ansatz bringen zu können, müssten diese ohnehin anerkannten Qualitätskriterien entsprechen. Das war in der Vergangenheit nicht immer und überall der Fall.
Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Fairness in der Saisonarbeit könnte ein gutes Beispiel sein. Für die Ernte, die Versorgung und für alle Beteiligten wäre es insgesamt eine Erfolgsgeschichte. Dass sich die Arbeit auf dem Feld nun auch für Deutsche lohnen sollte, muss sich aber noch schleunigst herumsprechen.